von Karen Beck

Vorstellungen in Beziehungen

1. Teil – Was genau sind Vorstellungen und wie entstehen sie?

Wie oft hatte ich in meinem Leben eine Vorstellung von etwas: sei es von der Liebe, sei es von einer bevorstehenden Reise, sei es von einem Konzert, sei es von meiner Rolle als Mutter, ohne mir dessen bewusst zu sein. Wie oft blieb sie mir verborgen und unausgesprochen! Ich wollte mehr über sie erfahren: Was genau sind Vorstellungen, wie entstehen sie, wie beeinflussen sie mich und vor allem, wie gehe ich in Beziehungen damit um, wenn mein Gegenüber andere Vorstellungen hat. Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens machen, verankern sich in unserem Gehirn. Dazu gesellen sich Wahrnehmungen, Beobachtungen und Erzählungen aus unserer Umwelt sowie Einflüsse aus den Medien. Daraus formen und entwickeln wir unsere Vorstellungen, d. h. wir machen uns ein Bild davon, wie man sich in dieser Welt zurechtfindet, wie eine glückliche Partnerschaft sich anfühlt, wie ein normales Familienleben aussieht, wie man Erziehungsprobleme löst, wie Schule besser funktionieren könnte etc. Unsere Vorstellungen sind immer subjektiv. Manche verändern sich mit der Zeit, manche bleiben gleich. Nicht selten jedoch entstehen aus Vorstellungen Ansprüche oder sogar Ideale.

Merkmale von Vorstellungen

  1. Sie können konkret oder ganz allgemein sein: Sie beziehen sich auf einzelne Situationen wie z. B. Ferien, Geburtstage oder Weihnachten, auf einzelne Objekte, z. B. wie der Hochzeitsring auszusehen hat oder ganz allgemein wie Liebesbeziehungen unserer Meinung nach sein sollten.
  2. Sie sind keine Einzelgänger, sondern kommen in Scharen und beeinflussen unser Leben (unser Erleben und Denken) auf vielfältige Weise. Mal sind sie romantisch, mal naiv, mal genau, mal speziell, mal unrealistisch, mal überzogen, mal vernünftig …
  3. Sie sind oft bildhaft, d. h. sie erschaffen Bilder oder sogar Filme in uns, die dann in unserem Kopfkino ablaufen. Es gibt natürlich auch taktile, akustische und olfaktorische Vorstellungen.
  4. Sie beziehen sich auf vergangene als auch zukünftige Ereignisse. Bezogen auf die Zukunft kommen sie oftmals als Erwartung daher, wie was sein sollte oder als Befürchtung, dass etwas Unangenehmes eintreten könnte. Der Fokus liegt somit nicht auf dem gegenwärtigen Moment und verhindert auf diese Weise authentische Begegnungen im Hier und Jetzt.
  5. Sie erscheinen uns selbstverständlich, ohne es zu sein. Sie sind oftmals unbewusst und bleiben unausgesprochen. In der Regel hinterfragen wir sie nicht, weil es uns nicht in den Sinn gekommen wäre, dass man es hätte anders machen können.

Vorstellungen dienen uns im Alltag als Orientierungshilfe und geben uns ein Stück Sicherheit. Schwierig wird es dann, wenn sich unsere Vorstellungen nicht erfüllen, weil das Wetter nicht mitspielt und das geplante Fest im Garten ausfallen muss, das gewünschte Kleid bereits ausverkauft ist, das Restaurant entgegen der Ankündigung im Internet ausgerechnet an diesem Tag geschlossen hat oder weil der selbstgebackene Kuchen gar keine Ähnlichkeit mit der Abbildung im Backbuch hat. Täglich werden wir damit konfrontiert, dass sich das Leben unseren Vorstellungen entgegenstellt und es anders kommt als geplant. Wir sind verärgert und enttäuscht, schlechte Laune macht sich breit. Fürs Erste. Zum Glück gibt es verschiedene Möglichkeiten Enttäuschungen loszuwerden: Wir lenken uns ab, reden uns gut zu, suchen nach Alternativen und irgendwann söhnen wir uns mit der Situation aus. Humor kann dabei hilfreich sein. Das fällt leicht im Hinblick auf die eigene Kuchenkreation. Im Hinblick auf unsere Beziehungen ist es deutlich komplizierter, weil wir schließlich Zeit und Liebe investiert haben und dazu neigen, an unseren Vorstellungen festzuhalten.

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