von Karen Beck

Der verflixte Vorwurf

1. Teil – Was genau ist ein Vorwurf und wie kommt er in die Beziehung?

Eine Beziehung ohne Vorwürfe – wer wünscht sich das nicht? Weniger Vorwürfe sind natürlich auch willkommen. Doch die Realität sieht meist anders aus. Vorwürfe prägen unseren Beziehungsalltag – ob ausgesprochen, unausgesprochen oder unbewusst, ob berechtigt oder nicht. Sie verderben uns die gute Stimmung und vermehren sich stetig, besonders in Zeiten, in denen wir uns überfordert fühlen, erschöpft und angespannt sind.

Was genau ist ein Vorwurf?

Wir werfen jemandem etwas vor. Werfen impliziert eine schnelle, kraftvolle Bewegung. Vor bedeutet nach vorne, von uns weg, dem anderen gewissermaßen vor die Füße, wie ein Fehdehandschuh, um ihm zu sagen, dass er oder sie sich in unseren Augen nicht richtig verhält oder Fehler macht.Vorwürfe „greifen" an - sie richten sich an bzw. gegen eine Person und enthalten eine negative Bewertung. Sie sind eindeutig destruktiv und laufen häufig nach demselben Muster ab. „Warum hast du nicht ...!" „Wie konntest du nur!" Unser Gegenüber fühlt sich kritisiert und ist oftmals auch gekränkt. Der Vorwurf trifft ihn persönlich.

In der Regel bleibt ein Vorwurf selten allein, er spielt gerne Pingpong. Es kommt zu gegenseitigen Beschuldigungen. Egal wie der Partner reagiert, ob mit Rechtfertigung, Gegenvorwurf, Beleidigungen, Schweigen oder innerem Rückzug, die Paarbeziehung leidet. Gelingt es nicht, aus diesem destruktiven Kreislauf von Verletzungen auszusteigen, wird der Vorwurf zum schleichenden Beziehungsgift und kann der Anfang vom Ende sein oder eine unendlich unglückliche Beziehungsgeschichte.

Wie kommt der Vorwurf in die Beziehung?

Wir haben Bedürfnisse und/oder Wünsche an unseren Partner, die wir in eine Erwartungshaltung verpacken, meist auch noch unausgesprochen und davon ausgehen, dass der Partner sie doch bitte schön erfüllen möge. Wir sind enttäuscht, wenn das nicht passiert. Bei manchen entlädt sich der Ärger unmittelbar in Form von Vorwürfen. Bei anderen wiederum werden die Enttäuschungen heruntergeschluckt, verdrängt und eines Tages an anderer Stelle, meist im ungünstigsten Moment, kommt es zu einem Wutausbruch, heftig und unerwartet. Beide Reaktionen sind verständlicherweise nicht beziehungsstiftend.

Beispiele:

Du kommst beispielsweise von der Arbeit nach Hause, hattest einen anstrengenden Tag und trotz aller Bemühungen blieben Aufgaben unerledigt liegen. Du bist frustriert, du machst dir Sorgen. Zu Hause angekommen, trifft dich der Schlag. Wie hättest du dich jetzt über eine aufgeräumte Küche gefreut, stattdessen steht das Frühstücksgeschirr deines Partners noch immer herum. Zum Glück nicht mehr auf dem Frühstückstisch, aber „provozierend“ oben auf der Spülmaschine. Es kommt, wie es kommen muss. Der Vorwurf platzt aus dir heraus.

Oder du bist irgendwie unzufrieden mit dir, fühlst dich nicht wohl in deiner Haut. Statt mehr bei dir zu bleiben, um dir selbst auf die Schliche zu kommen, wird dein Partner ins Visier genommen und kritisiert für sein Verhalten, sein Aussehen, seine Meinung. Was auch immer er tut, nichts bleibt unkommentiert, nichts kann er einem recht machen. Nörgelei hat Vorfahrt! Sei es seine Unordnung, der nicht geleerte Mülleimer, die verlegte Haushaltsschere oder sein heißgeliebter Pullover, der einem sowieso schon länger ein Dorn im Auge ist, weil er nicht gefällt. Der Partner dient dann als Blitzableiter, als willkommenes Opfer.

In beiden Beispielen zeigt sich die eigene Unzufriedenheit, die man zunächst nicht so gerne wahrhaben will und lieber dem Partner in Form von Vorwürfen an den Kopf wirft.

Manchmal werden sie ausgelöst, wenn durch das Verhalten des Partners ein Bedürfnis verletzt oder vernachlässigt wird, z. B. das nicht weggeräumte Frühstücksgeschirr. Manchmal aber ist es auch die eigene unzufriedene Grundstimmung, die sich in Kritik und Vorwürfen entlädt.

Warum sind Vorwürfe ein allgegenwärtiges Beziehungsthema?

Sie reaktivieren bei vielen unbewusst alte Kindheitsmuster. In solchen Momenten reagieren wir meist emotional (aus dem Kind-Ich): Wir fühlen uns ertappt, nicht gut genug, nicht wertvoll und wiederholen die verinnerlichte Elternbotschaft: Du hast einen Fehler gemacht, dich schlecht benommen, es ist alles deine Schuld! Du bist nicht in Ordnung, so wie du bist. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, fürchten eine mögliche Bestrafung und verteidigen uns daher reflexartig. Kommunikation auf Augenhöhe ist bei Getroffensein in wunden Punkten (getriggert werden) nicht mehr möglich. Da braucht es zunächst Abstand.

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