von Karen Beck

Über endlose Erwartungen

2. Teil – Erwartungen in Beziehungen

Erwartungen spielen in zwischenmenschlichen Beziehungen eine zentrale Rolle. Eltern haben Erwartungen an ihre Kinder, Paare untereinander, der Chef an seine Mitarbeiter. Dort, wo Menschen sich verbunden fühlen, treffen wir sie an. Je stärker die Verbundenheit, desto höher sind übrigens die Erwartungen.

Erwartungen der Eltern an ihr Kind

Bedauerlicherweise machen noch immer viele Eltern ihre Kinder zum Objekt ihrer Vorstellungen, Erwartungen, Sehnsüchte, ihrer Ängste und Sorgen und auch ihrer Bewertung und Belehrung. Sie nehmen das Kind und seine Bedürfnisse nicht wahr und ernst. Im Mittelpunkt stehen ihre eigenen, festen Vorstellungen und Erwartungen, die sie verwirklichen wollen, z. B. in der Schule und im Sport. Diese Haltung übt einen enormen Druck aus und geschieht noch dazu unter dem Deckmantel: „Ich möchte doch nur dein Bestes!“

Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos. Sie vertrauen ihnen. Um sie nicht zu enttäuschen, setzen sie alles daran, ihre Erwartungen zu erfüllen. Nimmt diese Haltung überhand, überfordern sie sich und haben gleichzeitig das Gefühl, nicht ok zu sein, so wie sie sind. Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl können sich nicht entwickeln. Was fehlt, ist eine liebevolle gleichwürdige Eltern-Kind-Beziehung. Mit der Zeit verinnerlichen Kinder diese Erwartungen und sie werden ein fester Bestandteil in ihrem Leben. Wie sich Eltern ihren Kindern gegenüber verhalten, so verhalten sich diese auch sich selbst gegenüber.

Die Weitergabe von negativen Verhaltensmustern, wie z. B. Bewerten, Verurteilen und Erwartungen, können wir unterbrechen: wenn wir uns als Eltern bewusst machen, dass unsere eigene Erziehung das Verhältnis zu unseren Kindern beeinflusst.

Die Beziehung zum Kind können wir dann positiv verändern, wenn wir anders auf sein Verhalten reagieren. Das gelingt uns, wenn wir versuchen, immer mehr mit uns selbst in Kontakt zu kommen, indem wir

  • mutig den Gefühlen nachgehen, die unsere Kinder in uns auslösen
  • diese meist für uns schwierigen Gefühle neugierig erkunden und wahrnehmen, was wir fühlen
  • nachdenken und uns fragen, welche unerfüllten Bedürfnisse hinter unseren Erwartungen liegen?
    Könnte es sein, dass uns unsere Kinder etwas vorleben, was wir uns im Moment selbst nicht gönnen oder wir in ihrem Alter nicht sein durften? Liegen hinter unseren Erwartungen eigene Versagensängste? Nach dem Motto: Nur wenn das Kind perfekt ist, haben die Eltern nicht versagt.

Wir kommen nur dann in Kontakt mit uns, wenn wir lernen, in einen inneren Dialog mit unseren Gefühlen zu gehen.

Erwartungen an Partnerschaft und Liebe

Die Ansprüche an eine Beziehung, Partnerschaft oder Ehe sind deutlich gestiegen. Alles, was wir nicht in den Beziehungen zu Kollegen, Freunden, Kunden bekommen, suchen wir in einer Zweierbeziehung. Der Partner soll Seelengefährte, aufregender Geliebter, Coach und vieles mehr sein. Nicht nur das. Die ganze Beziehung wird mit Erwartungen überfrachtet.

Anfangs hoffen wir noch, zu einem späteren Zeitpunkt erwarten wir, dass sich Menschen für uns ändern und so sind, wie wir sie wollen und sie uns geben, was wir uns wünschen. Wir haben jemanden gefunden, der ganz gut zu uns passt, nur in ein, zwei Punkten eben noch nicht. Aber das wird schon werden, ist unsere Überzeugung. Optimistisch gehen wir ans Werk und versuchen ihn/sie zurechtzubiegen. Unsere Erwartungen sollen erfüllt werden wie er-wartet. Das funktioniert allerdings nicht. Denn Menschen sind, wie sie sind und nicht wie wir sie gerne hätten. Die Realität richtet sich eben nicht nach unseren Erwartungen. Enttäuschungen sind dann die Folge.    

Wie wir mit Erwartungen umgehen, beeinflusst die Qualität unserer Beziehung ganz entscheidend. Ebenso, wie wir mit Enttäuschungen fertig werden, weil der Partner sich nicht ändern lässt.
Konflikte in Beziehungen entstehen oft durch unterschiedliche Erwartungen an den Partner und durch unterschiedliche Vorstellungen an die Beziehung. Aus diesem Grund ist es hilfreich, sich offen über die unterschiedlichen Werte auszutauschen und konkret zu benennen, wem was wichtig ist und was jeder für sein Wohlbefinden braucht. Auf diese Art und Weise lernen wir uns gegenseitig besser verstehen, können entdecken, wo es uns nur um Wünsche geht und wo es tatsächlich Bedürfnisse sind. Wir können entscheiden, wo wir bereit sind Kompromisse zu schließen und wo nicht. Erwartungen verlieren an Macht, wenn sie offen und klar ausgesprochen werden.

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